Faserregion mit Geschichte

Die sächsische Lausitz blickt auf eine jahrhundertealte Unternehmertradition zurück, deren Fundament ursprünglich in der regionalen Leinenweberei und Tuchmacherei lag. Basis hierfür war eine regionale Faserwirtschaft: der heimische Flachsanbau sowie die lokale Schafhaltung mit ihrer Faserproduktion, deren Fasern in den ländlichen Umgebindehäusern der Oberlausitz direkt vor Ort verarbeitet wurden. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert verdrängte zwar importierte Baumwolle den regionalen Leinanbau, doch die Region entwickelte sich mit Zentren wie Zittau, Bautzen, Görlitz und Kamenz zu einem europaweit bedeutsamen Zentrum der Textilwirtschaft. Innovativer Unternehmergeist, mechanische Webereien und spezialisierte Ausbildungseinrichtungen prägten Wohlstand und regionale Identität.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Lausitz durch den großflächigen Braunkohleabbau zunehmend zum zentralen Energierevier. Parallel dazu veränderten sich die Rahmenbedingungen für die Traditionsbranche: Die Textilbetriebe wurden in der DDR schrittweise verstaatlicht und blieben zwar wichtige Arbeitgeber und Devisenbringer, litten jedoch zunehmend unter technologischem Rückstand und fehlenden Investitionen. Der heimische Faseranbau existierte zu dieser Zeit nicht mehr; verarbeitet wurden stattdessen importierte Baumwolle aus der Sowjetunion sowie synthetische Chemiefasern wie Dederon und Grisuten aus den ostdeutschen Chemiebetrieben.

Die politische Wende 1989/90 führte schließlich zu einem tiefgreifenden Strukturbruch: Mit dem Wegfall der bisherigen Absatzmärkte brach die Textilindustrie innerhalb kürzester Zeit fast vollständig zusammen, während zeitgleich Tagebaue und Kraftwerke stillgelegt wurden. Die daraus resultierende hohe Arbeitslosigkeit löste eine anhaltende Abwanderungswelle aus – vor allem jüngere Menschen verließen die Region, was zu einem gravierenden demografischen Wandel mit Bevölkerungsrückgang und Alterung führte. Heute steht die sächsische Lausitz im Zuge des Kohleausstiegs erneut vor einem Wandel, bei dem neben neuen Forschungs- und Technologieansätzen auch das historische Erbe in der Faserwirtschaft sowie traditionelle Kompetenzen in der Werkstoff- und Materialverarbeitung wieder verstärkt in den Blickpunkt rücken.